Impuls zum Sonntag

"DER MESCH GEHT VOR" - Impuls von Pfarrer Gregor Bergdolt

 

 

 

 

 

 

 DER

 MENSCH

 GEHT

 VOR

 

 

 

Was zählt? Was ist wirklich wichtig?

Welche Werte sind mir ein Herzensanliegen? Woran richten wir unser Leben aus? Fragen, die wir uns stellen.

Fragen, denen wir uns stellen müssen. Sonst leben wir in den Tag hinein, orientierungslos, verführbar, oberflächlich. Gerade jetzt in der Situation dieser Krise.

 

Es müssen feste Regeln gelten, sagen manche. Und die müssen nachvollziehbar sein.

Ich verstehe diese Menschen gut. Feste Regeln geben Halt, helfen uns die vielen komplizierten Entscheidungsprozesse aufeinander abzustimmen in unserer Welt.

Was gilt, sollen wir wissen. Und uns fragen: Ist es gut und richtig, was ich tue?

Wenn meine Taten guten Regeln folgen, dann sind sie gut. Oder?

 

Du sollst den Sabbat heilig halten. Eine gute Regel:

Einen Tag in der Woche soll es geben, da gelten andere Regeln. Da sollen alle frei von der Arbeit sein, da sollen sie ruhen, sich erholen, ihr Leben genießen, ihre Seele erheben (wie es so schön im Grundgesetz heißt), da bleiben die Geschäfte geschlossen, da soll niemand hinter der Ladentheke stehen müssen, da soll der Konsum begrenzt werden, da soll Zeit sein, all das zu tun, was dem Leben Tiefe gibt und Richtung: Gottesdienste feiern, Freunde besuchen, von Arbeit frei sein;

da ist Zeit zum Aufatmen der Menschen, der ganzen Schöpfung,

da soll nicht geackert, dienstlich gemailt, gereist werden.

Da soll dem üblichen Treiben Einhalt geboten werden. Zum Segen für alle.

 

Nun sind uns Regeln auferlegt, die schränken unsere Freiheit ein, selbst im Gottesdienst.

Sie sollen Leben schützen. Sie sollen deshalb auch für alle gelten.

Wenn ich ruhe und der Nachbar wirft die Bohrmaschine an am Sonntag oder den Rasenmäher, ist es aus mit meiner Ruhe. Wenn ich sonntags auf meinem Balkon sitze und unten braust der Ausflugsverkehr, ist mir das Aufatmen vergällt.

Wenn sich viele nicht an die Regel halten, ist das Ziel der Regel außer Reichweite. Deshalb wird der Sonntag geschützt im Grundgesetz.

 

Allein: der rechtliche Schutz macht es nicht, dass die Regel befolgt wird.

Dass ich den Sinn verstehe und ich ihn für mich nachvollziehe, innerlich zustimme, darauf kommt es an.

Sonst wird es zum eisernen Gesetz, das zwingt mit Strafe, ohne zu überzeugen. Und die Angst vor Strafe kann nicht bewahren, was schützenswert ist.            

 

Außerdem: Ein Gesetz ohne Ausnahme wird menschenfeindlich.

Selbst wenn es ein Gebot von Gott ist. Es besteht dann die Gefahr, dass sein menschenfreundlicher Sinn verkehrt wird ins Gegenteil.

 

Du sollst den Sabbat heilig halten.

Sollte es am Schabbat verboten zu sein, durch die Felder zu laufen und Ähren abzureißen? Das tun Jesu Jünger, wie Kinder, selbstvergessen, übermütig, rupfen das Korn (Markus 2, 23-28). Darauf weisen die Pharisäer Jesus hin:

"Sieh, was deine Jünger, tun! Das ist am Schabbat verboten."

Jesus kontert mit Bibelkenntnis: Was hat David damals getan? Der hat doch auch die Schaubrote mit seinen Begleitern gegessen, die Gott und den Priestern vorbehalten waren. Denn sie hatten Hunger.

Jesus geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Dieses Schabbat-Gebot ist für den Menschen gemacht. Zu seinem Glück, zu seinem Wohlgefallen und Wohlbefinden. Und nicht gegen den Menschen. Also kann das Stillen des Hungers niemals gegen das Gebot verstoßen. Der Mensch geht vor.

 

Der Mensch geht vor dem Gebot. Es ist um seinetwillen da. Es darf sich nicht gegen ihn kehren, nicht gegen ihn ausgelegt werden, ihn zum Sklaven machen, zum Gesetzesgehorsam zwingen. Denn der Mensch steht über dem Gebot.

 

Ungeheuerlich! So viel Freiheit ist schwer zu ertragen. Wie kann Jesus es wagen, so zu sprechen? Und nun treibt Markus das Gespräch auf die Spitze der Zumutung:

So kann der Menschensohn bestimmen, was am Sabbat erlaubt ist.

Kein Zweifel: Mit dem Menschensohn kann nur Jesus gemeint sein. Der hat das Sagen. Der bestimmt, was geht und was nicht. Der ist der Herr und Bewahrer des Sinns von Gottes Gebot.

 

Und wir stehen in seiner Nachfolge. Und spüren die Herausforderung, die darin liegt, den Menschen zum Maß für die Gebote zu machen, sein Wohl, seine Freiheit, seine Würde.

Und wir buchstabieren seine Worte weiter durch alle Bereiche des Zusammenlebens:

Der Mensch ist nicht um der Wirtschaft willen da, sondern die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen.

Der Mensch ist nicht für die Kirche da, sondern die Kirche hat den Menschen zu dienen.

Die Menschen haben nicht dem Geld zu dienen, sondern das Geld den Menschen.

Der Mensch ist nicht für das Gesundheitssystem da, sondern die Krankenkassen und Kliniken um der Menschen willen.

Die Arzneimittelindustrie ist für die kranken Menschen da, nicht umgekehrt.

Die Corona-Regeln sind nicht dazu da, unser Verhalten zu gängeln, sondern um gerade die Schwächsten unter uns, Hochbetagte, chronisch Kranke, seien sie alt oder jung, zu schützen. Und deshalb sollen sich gesunde Junge und Alte daran halten. Auch dann, wenn ihnen wirklich Schweres abverlangt wird.

 

Alle Bestimmungen und Beziehungen, die menschliches Leben ordnen, Verträge, Regierungen, Verwaltungen, internationale Beziehungen, die europäische Union, die UNO, die Corona-Bestimmungen sind daraufhin zu prüfen:

dienen sie allen Menschen?

Wie sind junge Menschen davon betroffen? Kinder zwischen 1 und 6 Jahren, Schülerinnen und Schüler? Sehr alte und gebrechliche Menschen?

Wie sehr werden ihre Bedürfnisse dadurch eingeschränkt? Wann schlagen die Regeln um, werden menschenfeindlich, und ihre negativen Folgen werden stärker als ihre positive Wirkung?

Welche Wege wurden noch gar nicht erprobt?

Wie erhalten wir die lebensnotwendigen Begegnungen zwischen nahen Menschen aufrecht?

Wo wird unsere Freiheit unnötig eingeschränkt und es fehlt der Maßnahme die Überzeugungskraft?

Wir Menschen stehen über den Regeln. Sie sind um unseretwillen da, und niemals umgekehrt.

 

Spüren Sie den Geist Gottes, den Geist der Freiheit und der Gerechtigkeit und der Menschenfreundlichkeit, der diese Worte Jesu durchweht?

Lassen Sie uns unsere Segel nach ihm ausrichten. Und darauf achten und gespannt sein, was er verändert bei uns und durch uns. Gerade jetzt in diesen eingeschränkten Zeiten. Amen.

 

Pfarrer Gregor Bergdolt,

Bereichsleitung für Notfall-, Polizei-, Telefon- und Hochschulseelsorge

Sie finden die Impulse immer ab Samstagmittag hier auf unserer Homepage.

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Impuls von Pfarrerin Martina Walter_Aus lauter Gottesgüt_3.5.20 (pdf)